Zauberella und das verbotene Haus (Serie)

Episode 8 - Der "Wut-Flug"

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Immer noch verärgert darüber, dass sie als "fehlgeleitete Wunschfee" bezeichnet wurde, schoss Zauberella aufgebracht in die Lüfte. Quietscher sauste ihr zielstrebig hinterher. Die kleine Fee flog rasant an Büschen und Bäumen vorbei. „Fehlgeleitete Wunschfee!“, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Sie zischte geschwind durch die kleinsten Lücken im Geäst und ließ sich dann bis kurz vor den Waldboden hinunterfallen, nur um danach wieder wendig in die Lüfte zu steigen. Denn, wenn es eines gab, was sie konnte, war es fliegen. Das ging eine ganze Weile so. Quietschers Leuchten nahm bereits eine rötliche Färbung an. Der kleine Bursche hatte ordentlich zu kämpfen, um an der angestachelten Zauberella dran zu bleiben. Doch, wo flogen sie eigentlich hin? Der Baum sagte nur, sie solle sich beeilen, bevor das letzte Einhorn nicht mehr der Dunkelheit trotzt. Hatte die mächtige Fee - aus der Erinnerung - nicht etwas Ähnliches gesagt? Nimm die Dunkelheit von ihm fort, waren ihre Worte, oder? Aber wie? Und wo sollte sie anfangen zu suchen? Der Dunkelwald schien unendlich groß zu sein. Und selbst wenn der ach so schlaue Baum einen Ort genannt hätte, Zauberella hätte ihn niemals gefunden. Sie kannte sich im Dunkelwald etwa so gut aus, wie ein Fisch an Land! Die Hilflosigkeit machte die kleine Fee noch wütender.

Zauberella flog sich immer mehr in Rage. Die waghalsigen Flugmanöver wurden immer gefährlicher. Dann schaute sie sich plötzlich um. Wo war Quietscher eigentlich? Weit abgeschlagen flog der kleine Funke hinter der kleinen Fee hinterher. Er war völlig aus der Puste. Oh je, dachte Zauberella, der arme Kleine war schon dunkelrot. Er lag soweit zurück, dass sie ihn kaum noch richtig erkennen konnte. Trotzdem war da irgendwas komisch. Er schien etwas rufen zu wollen, doch es fehlte ihm die Luft.

Sofort stoppte Zauberella ihren Wut-Flug und landete. Der kleine Funke sauste in strauchelnden Bahnen direkt auf sie zu. Was sollte das? Zauberella schaute sich nochmal um. Sie wollte sehen, ob der kleine Funke ein anderes Ziel haben könnte. Doch da war nichts. Beim Umherschauen stieg ihr ein merkwürdiger Geruch in die Nase. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Flügel rauchten. Waren die etwa kurz davor Feuer zu fangen? Erschrocken sprang sie auf und ab. „Nein, nein, nein! Hört auf damit!“, rief sie panisch, „Oh, ich weiß, ich weiß, Wut ist ein schlechter Ratgeber hat der alte Brummbalken gesagt. Warum kann ich nicht hören?“ Noch während die kleine Fee panisch umhersprang, knallte Quietscher an ihre Stirn. Er prallte ab und kullerte ins Gras. Der kleine Stubser reichte aber glücklicherweise aus, um die zappelnde Fee aus dem Gleichgeweicht zu bringen. So plumpste auch Zauberella auf den taufrischen Rasen.

Es zischte und dampfte. Der feuchte Rasen kühlte Zauberellas hitzige Flügel ab. Aber nicht nur Zauberella dampfte. Auch der kleine Funke war so heiß gelaufen, dass das kühle Gras ihn zischend herunterkühlte. Beide lagen nun erleichtert im frischen Grün. Quietscher schien ordentlich zu pumpen. Man konnte zwar keinen Bauch erkennen, aber sein Licht wurde abwechselnd immer wieder hell und dunkel. Der arme war fix und fertig. „Tut mir leid!“, sagte Zauberella verlegen, „Ich werde mich in Zukunft besser beherrschen!“ Das klang wie Musik in Quietschers Ohren. Aber er bekam nur ein „SssSsSssst!“, als Antwort heraus. Mehr konnte er gerade nicht entbehren.

Während sich der arme kleine Funke erholte, nutzte Zauberella die Zeit, sich genauer umzuschauen. Natürlich war mal wieder alles dunkel. Aber es sah zumindest nicht gefährlich aus. Trotzdem wäre sie lieber in einem Gebüsch gelandet und nicht direkt auf einer Weggabelung.

Ein Gutes hatte es jedoch. Wege und Straßen bedeuten immer auch, dass etwas am Ende des Pfades sein muss. Wozu bräuchte man sie sonst? Nur in welche Richtung sollte sie gehen? Zauberella ließ entmutigt ihre kleinen Flügel hängen. Gleich vier Wege. Wie sollte sie sich da richtig entscheiden? Wenn einer der Richtige sein sollte, dann könnte sie gleich drei Mal falsch liegen. In letzter Zeit war so viel schiefgelaufen. Da wäre es doch kein Wunderwerk, wenn sie hier auch den falschen Weg wählen würde!

Oh, das gibt’s doch nicht, dachte sich die kleine Fee; kann nicht mal irgendwas einfach sein? Dann schimpfte sie mit sich selbst. „Jetzt hör aber mal auf zu jammern und reiß dich zusammen! Du wurdest doch nicht mit Feenstaub gepudert! Du bist die Fee der leuchtenden Aureole! Wenn du es nicht schaffst, wer dann?“  Mit angestrengter Miene überlegte sie. Ihre Augen und Lippen waren zusammengekniffen. Mit ihrem Zeigefinger tippte sie sich immer wieder nachdenklich auf den Mund. Plötzlich sprang sie auf. Sie hatte eine Idee. Sie stellte sich mitten auf die Weggabelung, hielt sich die Augen zu und drehte sich im Kreis.

Quietscher schaute erschöpft hoch. Eigentlich wollte er lieber gar nicht wissen, was die kleine Fee jetzt schon wieder ausheckte. Er war noch viel zu erledigt um auch nur einen Ton von sich zu geben. Trotzdem war er neugierig.

Da blieb die kleine Fee schlagartig stehen. Vorsichtig nahm sie die Hände vor den Augen weg. Sie blickte die Waldstraße Richtung Süden entlang. „Na bitte!“, rief sie freudig, „Wenn ich Teil einer Prophezeiung bin, dann sollte auch der Zufall richtig für mich entscheiden!“ Überzeugt von ihrem genialen Plan klatschte sie in die Hände und freute sich.

Quietscher verdrehte die Augen und ließ sich zurück ins Gras fallen. Er konnte es nicht fassen! Der kleine Funke war alles andere als begeistert von diesem grauenhaften Plan. Nur leider war er nicht in der Lage zu widersprechen. Geschweige denn sich zu wehren oder gar schon wieder zu fliegen. Also war er der kleinen Fee – mit ihrem grauenhaft genialen Plan – hilflos ausgeliefert. Kurzer Hand nahm sie ihn auf ihre Schulter und marschierte frohen Mutes los. Quietscher hoffte das Beste. Aber er erwartete dennoch das Schlimmste…

Autor: Jens Pätz

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