Zauberella und das verbotene Haus (Serie)

Episode 5 - Belehrende Worte

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Zauberella saß immer noch entgeistert und entkräftet auf dem Waldboden. Während sie weiterhin auf ihre Hände starrte, stockte ihr plötzlich der Atem! Erst jetzt wurde ihr langsam klar, dass sie einen Feuerzauber gesprochen hatte! Wie konnte das sein? Sie hatte noch nie einen Feuerzauber gelernt. Das durfte sie gar nicht. Nur den Schülern der Emporie war es erlaubt Feuermagie zu erlernen.

Die kleine Fee wurde panisch und es wurde ihr mit einem Male ganz heiß. Das Blut stieg ihr in den Kopf und es kribbelte, fast schon wie kleine Nadelstiche. Als ob man sie mit den Fingern in der Keksdose erwischt hätte und darauf die Höchststrafe stünde. Und es wurde noch unheimlicher. Mit dem donnernden Phönix hatte Zauberella gleich noch gegen zwei weitere magische Gesetze verstoßen. Der donnernde Phönix war ein Kampfzauber und eine Beschwörung der Klasse fünf des Okkulteriums. Solche Zauber waren nicht nur strengstens verboten, sie waren auch ausschließlich den Ältesten vorbehalten. Sie hätte diese Beschwörung niemals sprechen dürfen! Aber davon abgesehen hätte diese Beschwörung auch niemals klappen dürfen! Nicht einmal ein Schüler der höheren Magieschule hätte sich eines solchen Zaubers auch nur ansatzweise bemächtigen können. Wie konnte sie einen so gewaltigen Zauber sprechen? Woher kam diese unbändige Zauberkraft, die nun offensichtlich in ihr steckte? Und was würde diese Kraft alles anrichten?

So sehr Zauberella auch die Folgen befürchtete und so sehr sie auch weiter darüber nachdenken wollte, sie konnte einfach nicht mehr. Der kleinen Fee wurde ganz schwindelig von den vielen Gedanken. Die Gesetzesverstöße mussten warten. Sie spürte jeden einzelnen Knochen in ihrem Körper. Die ganze Aufregung hatte sie Kraft gekostet. Ausgelaugt und erschöpft ließ sie sich langsam in das erfrischende Gras fallen. Ihr Kopf war mit einem Male wie leer gefegt. Es kam ihr nur noch ein Gedanke in den Sinn: „Dodo hatte unrecht.“

Alles was im Dunkelwald geschah schien mehr Fragen als Antworten aufzuwerfen. Während Zauberella noch da lag und sich erholte, konnte sich Quietscher wieder etwas beruhigen. Das Zittern des kleinen Lichtballs verschwand. Erst wollte er mit der kleinen Fee schimpfen. Immerhin hatte sie ihn fast abgefackelt. Aber dafür war er jetzt viel zu aufgedreht. Denn er war Zeuge eines mächtigen Schauspiels geworden. Und nicht nur das, so einen kraftvollen Zauber hatte auch der kleine Funke in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Wie von einer Dünnwaldbiene gestochen, sauste er um die kleine Fee herum. Doch Zauberella hatte eher etwas Ruhe nötig. Sie verstand, warum Quietscher so aufgeregt war. Sie freute sich ja auch, dass Dodo falsch lag. Aber sie wusste auch, dass sie diese unbändige Kraft gar nicht haben durfte und bei Weitem auch nicht kontrollieren konnte. Sie fürchtete sogar damit noch weiteres Unheil anzurichten. Mit dem Phönix hatte sie Quietscher und sich selbst wortwörtlich in eine brandgefährliche Situation gebracht. Es war einfach nicht normal! Diese Zauberkraft überstieg alles, was die kleine Fee je über Magie gelernt oder gesehen hatte. Doch der kleine Funke dachte über so etwas gar nicht nach. Er drehte richtig auf.

Zauberella wurde das Geschnatter zu viel: „Was willst du Quietscher? Du warst doch dabei!“ rief sie genervt. Aber der kleine Funke hörte nicht auf zu schnattern. Hektisch flog er in großen Bahnen, so, dass seine Lichtstreifen den Phoenix nachstellten. Da musste Zauberella doch etwas schmunzeln. „Ja, ich weiß, dass ich überraschend viel Kraft hatte.“ Sagte sie sanft. „Aber ich kann die Kraft nicht beherrschen. Und ich will diese Kraft auch nicht beherrschen. Du hast es doch gesehen. Beinahe hätte ich dich auch noch verloren!“ Quietscher verstand sehr wohl, was Zauberella meinte, aber es schien ihm egal zu sein, was beinahe geschehen wäre. Für ihn war nur wichtig, dass es nicht so gekommen war.

Quietscher konnte es einfach nicht fassen, dass Zauberella es bei diesem ersten Versuch belassen wollte und schnatterte in einer Tour weiter. Zauberella war noch leicht benommen und ihr Kopf drehte sich immer noch. Je lauter Quietscher wurde, desto mehr spürte sie wieder diese innere Unruhe, die sich versuchte in Wut zu wandeln. Aber gerade als sie Quietscher erneut zurechtweisen wollte, begannen die Büsche um sie herum zu rascheln. Die kleine Fee sprang sofort auf und schaute sich um. Was war das denn jetzt? „Pssst Quietscher!“ flüsterte sie und ging in Lauerstellung, bereit, blitzartig davon zu fliegen.

Die Büsche im Blick, verdunkelte plötzlich etwas die Sonne und warf weite Schatten über die kleine Lichtung. Zauberella schaute langsam nach oben. Der große Baum, unter dem sie sich niedergelassen hatte, regte sich. Beim Anblick des hölzernen Riesen gefror der kleinen Fee vor Schreck das Blut in den Adern. Nach diesem ersten Schock schoss sie in die Höhe. Doch die riesigen Äste versperrten ihr bereits den Weg. Mit Mühe hätte Sie sich vielleicht noch durchwinden können, aber Quietscher schwebte erstarrt vor Angst immer noch unten auf der Lichtung. So blieb Zauberella nichts anderes übrig, als zum Boden zurückzukehren. Bereit zu kämpfen stand die kleine Fee nun angespannt da. Sie war immer noch erschöpft und bestimmt nicht in der Lage, irgendeinen Zauber zu sprechen. Kein guter Start, um sich mit einem solchen Riesen anzulegen, dachte sie. Da ertönte die tiefe und eindrucksvolle Stimme des Baumes: „Warum stört ihr meine Ruhe?“ fragte der Baum und öffnete seine Augen. Belehrend musterte er Quietscher, der weiterhin still und starr - wie eine aufgehängte Lampe - in der Luft hing. „Musst du so laut schnattern kleiner Funke?“ Dann beugte er sich zu Zauberella hinunter: „Und du? Kleine Fee? Hat dir noch nie jemand gesagt, dass man mit Feuer nicht spielt? Oder willst du den ganzen Wald niederbrennen?“

Zauberella verstand nicht ganz was gerade passierte. Was sollte das werden? Der Baum schien nicht kämpfen zu wollen. Im Gegenteil, er schien sie zu belehren – wie ein Vater mit seinem Kind schimpft, wenn es etwas falsch gemacht hatte. Das schmeckte der kleinen Fee gar nicht! Sie stellte sich mit beiden Beinen fest auf den Boden und machte sich so groß sie konnte. Es war ein wahrhaft göttliches Bild. Solch eine kleine Fee vor solch einem Riesen.

Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann rief Zauberella trotzig: „Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee, hier alles nieder zu brennen!“ Danach verschränkte sie ihre Arme und schnaubte verächtlich. Quietscher war sichtlich beeindruckt und fing wieder an, sich zu bewegen. Er versuchte sich auch größer zu machen, als er eigentlich war. Stolz presste der kleine Kerl noch ein bisschen mehr Leuchtkraft aus sich heraus.

Doch der große, stämmige Baum, war nicht beeindruckt. Die kleine Fee im Blick, fuhr er tiefer hinunter, während er sie schallend ermahnte: „Sei nicht töricht! Nicht alle Lebewesen im Dunkelwald haben deinen Zorn verdient!“ Die bebende Stimme des Baumes ließ den Waldboden erzittern. Er hatte seine Augen nun weit aufgerissen und schaute die kleine Fee böse an: „Du willst unschuldiges Leben niederbrennen?“ fragte er aufgebracht.

Bei diesem Anblick war Zauberella etwas verunsichert und wenn sie ehrlich sein sollte, auch etwas eingeschüchtert. Erwartete der Baum jetzt eine Antwort von ihr? Und was meinte er mit unschuldig? In Zauberellas Augen schien es Im Dunkelwald nichts Unschuldiges zu geben. Doch die kleine Fee konnte ihren Gedankengang nicht zu Ende führen, denn der hölzerne Riese unterbrach ihn mit eindrucksvoller Stimme: „Wenn du unschuldiges Leben opferst, was unterscheidet dich dann von der Steinblume?“

Der Baum konnte sehen, dass Zauberella nachdachte. Und das war es auch, was er erreichen wollte. Er richtete sich mit Genugtuung wieder auf und sprach belehrend weiter: „Deine Wut ist eine starke Kraft, kleine Fee. Sie ist aber auch ein schlechter Ratgeber – der dich zu dummen Taten verleitet! Oder meinst du, es war klug, ungeübt einen Phoenix zu beschwören? Glaubst du etwa, das war Feenmagie?“ Dann senkte sich der behäbige Baum wieder langsam zu Zauberella hinunter. Seine Zweige knackten und knirschten. „Sag, kleine Fee, wie hat es sich angefühlt?“ säuselte er, während er die kleine Fee mit scharfem Blick beäugte.

Doch Zauberella verstand nicht, was der Baum von ihr wollte. Als dem hölzernen Koloss die Antwort zu lange dauerte, rauschte er ungehalten mit donnerndem Getöse: „Denk nach!“ Der Boden auf dem Zauberella stand bebte und die Worte des Baumes hallten weit in die Dunkelheit des Waldes hinein. Beeindruckt von dem kraftvollen Organ des stämmigen Riesen überlegte die kleine Fee nun angestrengt. Und wie es schien, sollte der Baum recht behalten. Es gab nämlich etwas, das anders war. Und das war tatsächlich das Gefühl der Magie. Doch wenn es keine Feenmagie gewesen sein sollte, was sollte es dann für eine Zauberkraft gewesen sein? Und wieso konnte sie diese gewaltige Kraft nutzen?

Sobald der Baum Zauberella ansah, dass sie verstanden hatte, richtete er sich wieder auf und sprach mit ruhiger Stimme weiter: „Das war keine reine Feenmagie, nicht wahr? Du weißt es! Du hast die machtvolle dunkle Aura des Waldes gespürt. Habe ich nicht recht? Sag mir kleine Fee, wie konntest du dich der dunklen Magie bemächtigen?“

Bei den Worten des Baumes fiel Zauberella alles aus dem Gesicht. Sie stand nun mit offenem Mund und großen Augen vor dem Koloss. „Dunkle Magie? Bemächtigen? Ich? Was?“ dachte sie. Sie wusste, dass es verschiedene Magierichtungen gab. Bereits zu Anbeginn der Zeit gab es schon vier elementare Richtungen - Erdmagie, Wassermagie, Luftmagie und Feuermagie. Aus diesen vier elementaren Richtungen entstanden über die Jahrtausende weitere Magierichtungen. Dabei hatte jede Magierichtung seine Stärken und Schwächen. Die Feenmagie war nur eine von Vielen und bestand zum größten Teil aus Natur- und Heilzaubern, welche man allgemein hin als gütige Zauber bezeichnete. Es gab nur wenige kraftvolle Feuer- und Kampfzauber. Und auch in der Zauberkraft gab es erhebliche Unterschiede. Je nach Alter der Magierichtung waren die Zauber stärker oder schwächer. Man kann sich eine Magierichtung wie einen Baum vorstellen, der immer stärker wird, je mehr er wächst. Die ältesten Magierichtungen und die ältesten Zauber waren also die Mächtigsten. So entwickelt sich jede Magierichtung ständig fort, sodass auch immer wieder neue Zauber entstehen. Denn je größer ein Baum wird, desto mehr Äste und Zweige bekommt er. Je kleiner der Ast, desto schwächer die Zauber. Gegenüber Heilzaubern war beispielsweise die Wunschzauberei noch ein sehr junger Zweig der Feenmagie. Das ist zweite Klasse Magieschule. Doch von dunkler Magie hatte Zauberella noch nie etwas gehört. Außerdem konnte jedes magische Wesen nur seine eigene Magierichtung beherrschen. Von dieser Regel gab es genau zwei Ausnahmen: Zauberer und Maglinge. Beide waren sehr selten und doch sehr unterschiedlich. Zauberer konnten sich, je nach eigener Begabung, aus mehreren Magierichtungen bedienen. Das machte sie sehr mächtig und unberechenbar. Maglinge hingegen vereinten zwei magische Richtungen in sich. Doch sie konnten keinen Zauber aus den zwei magischen Richtungen wirklich kraftvoll nutzen. Deswegen waren Maglinge auch nicht sehr angesehen im Feenland. Das ist dritte Klasse Magieschule.

Zauberella machte plötzlich ein erschrockenes Gesicht: „Oh, du großer Feenstab!“ dachte sie.“Bin ich etwa ein Magling? Das würde Sinn machen, immerhin war es um meine Wunschzauberfertigkeiten nicht so gut bestellt.“ Dann sah man ihr aber die Erleichterung an. „Nein, das konnte gar nicht sein!“ dachte sie in diesem Moment weiter. „Der Phönix war viel zu kraftvoll.“ Beim Denken zog sie nun die Augenbrauen hoch und dachte aus Versehen laut weiter: „Viel, viel zu kraftvoll!“

Der Baum dachte, die kleine Fee hätte ihm endlich geantwortet. „Was hast du gesagt? Fragte er. Da merkte Zauberella, dass sie den letzten Satz laut ausgesprochen hatte und winkte schnell ab. „Ach nichts. Ich hatte nur laut gedacht.“ Dann schaute sie den Baum an und antwortete: „Ich weiß nicht, was du von mir hören willst. Ich wusste bis jetzt nicht einmal, dass es dunkle Magie überhaupt gibt.“

Misstrauisch wiegte der Baum seinen mächtigen Stamm hin und her. Dabei behielt er die kleine Fee immer im Blick - als wolle er prüfen, ob sie die Wahrheit spricht. „Sei vorsichtig kleine Fee!“ sagte er dann. „Die Dunkelheit beginnt immer zuerst im Herzen. Hier sind uralte Kräfte am Werk, die du nicht zu verstehen vermagst. Der Wald ernährt sich von deinen Schwächen. Er nistet sich in dir ein und verändert dich Stück für Stück. Er zerrt an deinen Kräften und stielt dir deine Erinnerungen. Auch wenn du mächtiger bist, als ich gedacht hätte, solltest du die Dunkelheit nicht herausfordern! Niemand kann sie beherrschen! Nicht einmal du, kleine Fee!“

Dann streckte sich der Baum und Zauberella fühlte sich, als ob er ihr ein Kompliment gemacht hätte. Aber die kleine Fee fühlte sich zu Recht belehrt. Sie mochte dieses Gefühl immer noch ganz und gar nicht. Aber sie hatte begriffen, dass sie sich dumm verhalten hatte. „Es tut mir leid. So bin ich eigentlich nicht.“ flüsterte sie kleinlaut. Jetzt machte sich auch Quietscher wieder klein und surrte leise etwas vor sich hin, als wolle er sich auch entschuldigen.

Zauberella schaute zu Quietscher hoch und war froh über seine Unterstützung. Das machte es ihr selbst leichter, sich richtig zu entschuldigen. „Ich war einfach nur wütend und hatte keinen bestimmten Zauber im Sinn.“ sagte sie. „Ich wollte nur, dass die Steinblume nie wieder jemandem wehtun kann.“ Dann atmete sie enttäuscht aus und ließ die Flügel hängen: „Leider scheinen dumme Entscheidungen zu meiner Gewohnheit zu werden.“ Sie strich verlegen mit einem Fuß über das Gras und kaute auf ihrer Unterlippe. Dabei ging sie nochmal alles durch, was der Baum gesagt hatte. Woher wusste er eigentlich, dass sich die Magie anders angefühlt hatte? Und wie konnte er von der Steinblume wissen?

Das machte für die kleine Fee keinen Sinn. Und so war ihre Neugier mal wieder geweckt. Ruckartig war sie wie ausgewechselt. „Woher wusstest du von der Steinblume?“ entfuhr es ihr aufgeregt. Und während sie die Spannung kaum aushielt, rekelte sich der Baum gemütlich und stöhnte: „Ach kleine Fee, du solltest es eigentlich von Allen am besten wissen. Doch ihr habt viel verlernt über die Zeit. Zu Tieren habt ihr noch eine gute Verbindung. Aber zu uns Bäumen?“ Dann beugte sich der Baum mal wieder zu Zauberella hinunter: „Wir Bäume sehen alles, was geschieht. Weiß es ein Baum, dann wissen es auch die Anderen. Wir tragen die Erinnerung des Waldes in uns.“ Sein Blick schärfte sich und er flüsterte vorwurfsvoll weiter. „Ich weiß auch, dass du aufgebrochen bist, um ein altes, verlassenes Haus zu finden.“

Da war es wieder, dass Gefühl belehrt zu werden. Und wieder mochte Zauberella dieses Gefühl ganz und gar nicht. Aber sie war verblüfft darüber, was der Baum alles wusste. Also musste sie Wohl oder Übel die Belehrungen über sich ergehen lassen. Denn sie musste einfach mehr erfahren! Was würde der uralte Riese wohl noch alles wissen? „Dann kennst du bestimmt auch einen Weg, wie ich Dodo retten kann?“ fragte sie hoffnungsvoll.

Die kleine Fee wurde hektisch. Es schwirrten ihr noch so viele weitere Fragen durch den Kopf; aber der Baum ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er überlegte, bevor er antwortete: „Hm,“ sprach er „du möchtest, dass ich dir helfe - nicht wahr? Du solltest aber wissen, dass wir Bäume uns immer aus allem heraushalten. Wir sind nur die Erinnerung des Waldes. Nicht mehr und nicht weniger.“

Kaum hatte der Baum ausgesprochen, protestierte die kleine Fee lautstark: „Das wir Bäume uns immer aus allem Heraushalten? Wegen des Phoenix hast du mich auch belehrt. Und jetzt auf einmal heißt es: wir halten uns aus allem heraus?“ Die Antwort des Baumes folgte auf dem Fuße mit schallender Schärfe: „Das musste ich! Zu deinem eigenen Schutz und dem Schutz des Waldes!“ rief er. Doch Zauberella blieb dieses Mal standhaft: „Und was ist, wenn ich wieder eine dumme Entscheidung treffe? Dann weißt du, du hättest es verhindern können. Vielleicht hast du so einen Fehler sogar schon mal begangen!“ Der Baum verstummte bei Zauberellas Worten. Was war denn nun passiert? Der uralte Gigant wirkte plötzlich sehr traurig.

„Das ist wahr.“ Sagte er und fing an mit sich selbst zu reden: „Es ist lange her. Aber du hast recht. Ich hatte es fast vergessen.“ Die kleine Fee war überrascht, dass ihr Trick funktionierte. Doch nun bekam sie Mitleid mit dem traurigen Riesen: „So hatte ich das nicht gemeint.“ Sagte sie, doch der Baum hörte gar nicht zu. Er war damit beschäftigt weiter mit sich selbst zu sprechen: „Du konntest dich der dunklen Magie bemächtigen, obwohl du eine Fee des Lichts bist. Und du konntest die Dunkelheit in dir beherrschen, wenn auch nur kurz. Vielleicht liegt der kleine Pilz ja richtig und du bist wirklich die Fee der leuchtenden Aureole. Aber die Macht hat dich auch geschwächt. Was sagt uns das?“

Zauberella schaute fragend zu Quietscher hoch. Und Quietscher umgekehrt fragend zu Zauberella hinunter. Leuchtende Aureole? Was sollte das schon wieder heißen? Die kleine Fee verstand kein Wort. Ganz im Gegenteil. Je mehr der Baum sprach, desto mehr Fragen wollte sie ihm stellen. Für Zauberella war das inzwischen der wahre Fluch des Dunkelwaldes. Immer mehr und mehr Fragen, die sich anhäuften. Sie wurde immer ungeduldiger. Ihre Flügel flatterten und sie machte immer wieder einen Schritt nach vorne und einen zurück. Bis sie es nicht mehr aushielt. Die Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus: „Was ist diese dunkle Magie? Warum kann ich sie nutzen? Und wie kommst du darauf, dass ich sie beherrschen konnte? Du hast doch gesagt, niemand kann die Dunkelheit beherrschen! Nicht einmal ich! Was immer das auch wieder heißen soll. Und warum sprichst du jetzt von Dodo? Und was …“ Zauberella platzte fast vor Ungeduld. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, machte die Augen kurz zu und atmete tief durch, als wollte sie sich selbst beruhigen. Dann stellte sie ihre abschließende Frage: „Und was zum funkelnden Feen-Fest ist eine leuchtende Aureole?“.

So aufgebracht und ungeduldig Zauberella auch war, der braune Riese rekelte sich gemütlich in der Sonne und hielt sein Gesicht in die wärmenden Strahlen. Dann atmete er tief ein. „Nun, ich möchte nicht im Dunkel des Waldes stehen, wie es so vielen von uns zu Teil wurde.“ Seufzte er schließlich beim Ausatmen. Zauberella war kurz vorm Platzen und auch Quietscher sauste ungeduldig hin und her. Der Baum aber schien die Ruhe mit Löffeln gefressen zu haben. „Du bist zu aufgeregt kleine Fee.“ sagte er langsam. „In der Ruhe liegt die wahre Kraft. Merk dir das gut!“ Dann schaute er in den dunklen Teil des Waldes.

Der gemütliche Riese brachte die kleine Fee mit seiner ruhigen Art auf die Palme: „Oh, ich werd noch rappelig!“ rief sie sichtbar gereizt. „Wovon ernährt ihr Bäume euch? Schlafmoon? Gibt es irgendwo einen Knopf zur Beschleunigung? Und warum um alles in der Welt sprichst du nur in Rätseln?“ Doch bevor sich Zauberella weiter ereifern konnte, begann der Baum endlich zu erzählen…

Autor: Jens Pätz

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