Mama bekommt ein Baby

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Baby mit verschiedenen Spielsachen Mama und Papa waren heute ganz aufgeregt, als sie nach Hause kamen. Oma wusste gleich was los war. Mir kam das alles sehr komisch vor. Oma drückte Mama die ganze Zeit und strich dann mit der Hand über Mama’s Bauch. Manchmal umarmte sie Mama und Papa auch gleichzeitig. So wie beim Gruppenkuscheln im Kindergarten. Aber beim Gruppenkuscheln weint niemand. Oma war die ganze Zeit am Weinen. „Warum weinst du?“ fragte ich. Oma hob ihre Brille an und wischte sich die Tränen weg: „Das sind Freudentränen mein kleiner Spatz.“ sagte sie. Dann umarmte sie mich und drückte mich ganz fest. Dabei sagte sie immer wieder: „Ach mein kleiner Spatz.“ Dann beugte sich Mama zu mir runter und sagte: „Tobias, du bekommst ein Geschwisterchen.“

Das war es also. Deshalb waren alle so aufgeregt. Jetzt war auch ich ganz aus dem Häuschen. „Ich bekomme einen kleinen Bruder!“ rief ich. Aber Mama sagte: „Du bekommst ein Geschwisterchen mein Spatz. Vielleicht ist es auch eine kleine Schwester.“ Ich überlegte kurz. Eine kleine Schwester? Was soll ich denn damit? Dann sagte ich fest entschlossen: „Ich will lieber einen kleinen Bruder. Mädchen sind doof.“ Und alle lachten.

Am nächsten Tag im Kindergarten erzählte ich stolz, dass ich einen kleinen Bruder kriege. Unsere Kindergärtnerin, Frau Aalfeld, fragte mich, ob Mama und Papa denn schon wüssten was es wird. Ich verstand die Frage nicht. Aber dann erklärte sie es mir. Sie meinte, ob Mama und Papa schon wüssten, dass ich einen Bruder bekomme und keine Schwester. „Ja!“ sagte ich. „Ich habe Mama gesagt ich will einen Bruder.“ Frau Aalfeld sagte dann, dass ich das nicht so einfach entscheiden könne, weil es Zufall wäre, was man bekommt. Das ging mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf.

Mein Freund Fabian erzählte mir später, dass das wie mit Weihnachtsgeschenken ist. Vorher weiß man nicht, was man bekommt. Erst wenn man die Geschenke auspackt. „Aber genau deshalb habe ich ja Mama gesagt was ich will.“ erzählte ich Fabian. „Geht das nicht wie mit den Wünschen an den Weihnachtsmann?“

„Doch.“ sagte Fabian. „Das geht genauso.“ Und Fabian musste es wissen, denn er ist letztes Jahr schon großer Bruder geworden. „Aber trotzdem kriegt man ja manchmal etwas Anderes.“ erzählte er dann weiter. „Du kriegst ja nicht immer das, was du dir gewünscht hast.“ Jetzt freute ich mich auf einmal nicht mehr so doll. Ich dachte daran wie es wäre, wenn ich eine kleine Schwester bekommen würde. Was sollte ich mit der spielen? Mädchen spielen ja immer so doofe Sachen. Aber dann fiel mir ein, dass Mama mal sagte, wenn es nicht passt, können wir es umtauschen.

Zu Hause guckte ich Mama beim Kochen zu. „Mama?“ fragte ich. „Wann bekomme ich denn meinen Bruder?“ Mama lachte: „Spatz, du meinst dein Geschwisterchen. Wenn alles so läuft wie geplant - wahrscheinlich direkt zu Weihnachten. Wäre das nicht ein tolles Weihnachtsgeschenk?“

Kleinkind mit Weihnachtsmütze umgeben von WeihnachtsgeschenkenUnd da war es - Weihnachten. Also hatte Fabian recht. Es wird ein Weihnachtsgeschenk. Das heißt: Mama kann es umtauschen. Plötzlich hatte ich aber noch eine ganz andere Frage: „Bekomme ich auch noch andere Sachen zu Weihnachten?“ Meine Mama verschluckte sich vor Lachen. Was war denn jetzt schon wieder so lustig? Irgendwie verstand ich das alles nicht. „Spatz, du bekommst noch andere Geschenke zu Weihnachten. Dein Geschwisterchen ist eine ganz besondere Weihnachtsüberraschung.“ Dann nahm sie wieder einen Schluck von ihrem Wasser.

Gut, das war geklärt. Dann jetzt zum Umtausch: „Also, wenn ich eine Schwester kriegen sollte, kannst du sie gegen einen Bruder umtauschen, richtig?“ Plötzlich prustete Mama das ganze Wasser aus dem Mund. „Damit hast du mich kalt erwischt.“ lachte sie und wischte das Wasser vom Tisch. „Spatz, egal ob du einen Bruder oder eine Schwester bekommst, du wirst dein Geschwisterchen ganz doll lieb haben. Und dein Geschwisterchen wird dich ganz doll lieb haben und zu dir aufschauen, weil du der große Bruder bist.

Weißt du was – zu dir aufschauen – heißt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dein Geschwisterchen wird ganz stolz sein, weil es so einen tollen großen Bruder hat. So wie du zu Spiderman aufschaust.“ Jetzt wusste ich was Mama meinte. Ich bin für mein Geschwisterchen ein Superheld! „Ich werde mein Geschwisterchen immer beschützen.“ sagte ich und machte meine Spiderman-Bewegung. „Tu, tu … tu, tu … da fliegen die Netze.“ rief ich. Und schon war ich unterwegs in mein Kinderzimmer. Ich musste mich vorbereiten.

Bevor ich aber alle Vorbereitungen treffen konnte, war schon Bettzeit. „Mama, ich bin noch nicht fertig.“ sagte ich, als ich Zähneputzen sollte. Aber Mama meinte ich hätte noch genügend Zeit bis Weihnachten und da hatte sie ja auch recht.

Tobias und Mama mit Baby BauchDen Sommer über hatten wir ganz viel Spaß. Papa sagte oft, Mama solle sich nicht so viel anstrengen. Das wäre wohl nicht gut, weil sie mein Geschwisterchen in sich trägt. Ich habe versucht, mir das vorzustellen; aber irgendwie fand ich das ganz schön komisch. Ich hatte früher ganz andere Sachen gehört, wie Babys auf die Welt kommen. Von Storch bis Regenbogen waren tolle Geschichten dabei. Aber Fabian klärte mich auf: „Das Kind wächst im Bauch der Mama.“ sagte er. „Wenn es alt genug ist, wird es von einem Arzt heraus geholt und sauber gemacht. Nicht, weil Mama schmutzig im Bauch ist, sondern weil das Baby im Wasser von einer Frucht schwimmt.“ Ich schaute Fabian an: „So wie Bananensaft?“ fragte ich. „Genau. Sowas wie Bananensaft. Schmeckt lecker und ist gesund. Klebt aber ganz schön, wenn man damit kleckert.“ Das klang für mich zwar immer noch komisch, aber es schien zu stimmen. Immerhin musste Fabian es ja wissen. Und Mama’s Bauch wurde auch immer runder.

Je größer der Bauch wurde, desto weniger konnte Mama mit mir machen. Das fand ich blöd. Aber Papa sagte mir, dass das normal ist und ich der Mama helfen solle - wo immer es geht. Und vor allem sollte ich artig sein. Denn die Mama dürfe sich nicht aufregen. Als ob man mir das sagen müsste. „Kinderspiel.“ sagte ich. „Oma sagt ich bin immer lieb.“

Also half ich der Mama, wo immer ich konnte. Wenn ich Mama was brachte, was sie gerade brauchte, bedankte sie sich bei mir und gab mir ein Küsschen. Ich fühlte mich richtig erwachsen. Wenn Papa nicht da war, war ich jetzt der Mann im Haus. Trotzdem durfte ich noch spielen und toben. Sonst hätte ich auch nicht der Mann im Haus sein wollen – Erwachsene machen ja immer so langweilige Sachen.

Im Herbst ging es dann immer mehr nur um das Baby, obwohl es noch gar nicht da war. Mama und Papa kriegten andauernd Sachen für das Baby geschenkt. Immer wenn wir Besuch hatten, redeten alle nur davon. Papa hatte noch weniger Zeit, weil er das Kinderzimmer vorbereitete – streichen, Möbel aufbauen und so’n Kram. Wenn ich was spielen wollte, sagte er immer: „Später mein Spatz. Lass Papa das nur noch fertig machen.“ Aber dann wurde es zu spät oder Papa war kaputt und musste sich ausruhen. Mir war ganz schön langweilig.

Ich begann darüber nachzudenken, ob das auch so sein wird, wenn das Baby da ist. Das wäre ja voll blöd. Aber wie immer wusste Fabian Rat: „Das ist nur am Anfang so.“ sagte er. „Weil das Baby noch nicht lange schläft und Mama und Papa nachts oft aufstehen müssen. Dann sind sie am Tag müde. Das hört aber auf. Zwischendurch haben sie ein schlechtes Gewissen. So sagt das meine Oma. Das heißt, es tut ihnen leid, dass sie gerade nicht so viel Zeit für dich haben. Dann bekommt man öfter mal ein Geschenk, oder ein Eis, oder darf Fernsehen. Ist eigentlich ganz cool.“ So wie Fabian das erzählte, hörte sich das ganz gut an und ich freute mich wieder auf mein Geschwisterchen.

Kleinkind Mädchen mit Teetasse und KuchenEs kam der Weihnachtsabend und alle freuten sich auf das Baby. Aber mein Geschwisterchen ließ sich ganz schön Zeit. Mama und Papa hatten mir immer noch nicht gesagt, ob es ein Brüderchen oder ein Schwesterchen wird. Obwohl die Oma meinte, dass sie es schon wüssten. Ich denke das heißt, ich kriege eine kleine Schwester. Aber das ist mir inzwischen egal. Mit einer Schwester könnte ich Teepartys geben oder Kaffee und Kuchen spielen. Das könnte ich mit einem Bruder nicht. Das wäre ja irgendwie komisch.

Auf jeden Fall haben wir es jetzt Heiligabend und die ganze Familie ist im Krankenhaus. So langsam werde ich müde und ich habe noch kein einziges Geschenk ausgepackt. Oma sagt, wir machen das morgen Früh. Aber ich will heute noch Geschenke auspacken. Also halte ich tapfer die Augen offen und starre auf die Uhr. Der kleine und der große Zeiger zeigen schon nach oben. Das ist echt spät. Plötzlich kommt Papa angelaufen und ruft: „Er ist gesund und munter!“ Sofort springen alle auf und freuen sich. Ich freue mich natürlich am lautesten. Immerhin schaffen wir es jetzt doch noch Geschenke auszupacken. Aber Moment mal, Papa hat –er- gesagt. Ich habe also doch einen kleinen Bruder bekommen. Da hätte ich mir wegen dem Umtausch ja gar keine Gedanken machen müssen. Oma drückt mich ganz fest und sagt: „Frohe Weihnachten mein Spatz. Da hast du dein erstes Geschenk. Ein kleines Brüderchen.“

Die ganze Familie folgt Papa den Gang hinunter bis zu einem großen Fenster. Dahinter liegen ganz viele Babys. Aber Papa sagt: mein kleiner Bruder ist da gerade nicht dabei. Also gehen alle weiter bis zu einem Zimmer in dem Mama liegt. Ich renne sofort zu ihr hin und kuschle meinen Kopf an ihren Arm. „Alles gut mein Spatz. Der Mama geht es prima.“ sagt sie und streicht durch meine Haare. Da kommt plötzlich eine Krankenschwester rein, die etwas auf dem Arm hält. Sie gibt Mama meinen neuen kleinen Bruder, der viel kleiner ist als ich dachte.

„Darf ich vorstellen?“ sagt Mama. „Das ist David, dein neuer kleiner Bruder.“ „Der ist echt klein!“ sag ich, als mich meine Oma von hinten anstubst: „Na, wollen wir jetzt nach Hause fahren und Geschenke auspacken?“ Ich schüttele den Kopf: „Ach weißt du Oma, das hat doch noch bis morgen Zeit. David braucht jetzt erst mal seinen großen Bruder.“ Da drückt sie mich ganz fest und Papa sagt: „Guck mal einer an, wie erwachsen du jetzt schon bist. Du wirst ein toller großer Bruder sein!“ „Ja!“ sag ich. „Und jetzt braucht er Ruhe und Mama auch.“

Papa hebt mich auf das Bett und sagt: „Recht hast du! Dann pass mal schön auf die beiden auf.“ Als er mich loslässt kuschle ich mich an Mama und David ran. „Dann lassen wir euch jetzt mal kurz ausruhen.“ sagt Papa noch, bevor er alle aus dem Zimmer schiebt.

Neben Mama ist es total gemütlich und ich merke, wie ich immer müder werde. „Na mein Spatz.“ flüstert Mama. „Jetzt hast du also doch einen kleinen Bruder. Wie du es dir gewünscht hast.“ Ich muss schon gähnen. „Uah, ach Mama, über ein Schwesterchen hätte ich mich doch auch gefreut.“ sage ich noch und schlafe an Mama’s Arm ein.

Autor: Jens Pätz

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