Aschenputtel (in zeitgemäßer Sprache)

Original von 1850

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Aschenputtel in rotem Kleid und mit goldenen Schuhen - Grimm Märchen von 1850

Die Frau eines reichen Mannes wurde sehr krank. Als das Ende nah war, rief sie ihre einzige Tochter zu sich ans Bett und sprach: „Liebes Kind, bleib fromm und gut. So wird dir der liebe Gott immer beistehen. Und ich will vom Himmel auf dich herab blicken und immer um dich sein.“ Dann schloss sie die Augen und starb.

Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab. Und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die neue Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht. Beide äußerlich schön und weiß. Aber garstig und schwarz von Herzen. So begann eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind. „Soll die dumme Gans etwas bei uns in der Stube sitzen?“ fragten sie und keiften: „Wer Brot essen will, der muss es sich verdienen: hinaus mit der Küchenmagd.“ Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen grauen alten Kittel an und gaben ihr hölzerne Schuhe. „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie gekleidet ist!“ riefen sie, lachten und führten sie in die Küche. Da musste sie von morgens bis abends schwere Arbeit verrichten. Früh, noch vor Tagesanbruch aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihr die Schwestern alles ersinnliche Herz leid an, verspotteten sie und schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche, so dass sie sie einzeln wieder heraussuchen musste.

Wenn sie sich abends müde gearbeitet hatte, hatte sie kein Bett zum Schlafen. Sie musste sich neben der Herd in die Asche legen. Darum sah sie immer staubig und schmutzig aus. So nannten sie sie Aschenputtel.

Eines Tages trug es sich zu, dass der Vater einmal zur Handelsmesse reisen wollte. Er fragte die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen solle? „Schöne Kleider.“ Sagte die eine. „Perlen und Edelsteine.“ Sagte die zweite. „Und du Aschenputtel?“ fragte er. „Was willst du haben?“ Aschenputtel antwortete: „Vater, der erste Zweig, der euch auf eurem Heimweg an den Hut stößt, den brecht für mich ab.“

Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine. Auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselzweig und stieß ihm den Hut hinunter. Da brach er den Zweig ab und nahm ihn mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern was sie sich gewünscht hatten. Dem Aschenputtel gab er den Zweig des Haselbuschs.

Aschenputtel dankte ihm, ging zum Grab ihrer Mutter und pflanzte den Zweig darauf. Dabei weinte sie so sehr, dass die Tränen auf den Zweig niederfielen und ihn begossen. Der Haselzweig wuchs und wurde ein schöner Baum. Aschenputtel setzte sich alle Tage dreimal darunter, weinte und betete. Jedes Mal kam ein weißes Vöglein auf den Baum. Und wenn Aschenputtel einen Wunsch aussprach, so warf ihr das Vöglein herab was sie sich gewünscht hatte.
Eines schönen Tages begab es sich, dass der König ein Fest veranstalteten wollte, das drei Tage dauern sollte. Alle schönen Jungfrauen im Lande wurden dazu eingeladen, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen könne. Die zwei Stiefschwestern waren guter Dinge, als sie hörten, dass auch sie dabei sein sollten. Sie riefen Aschenputtel herbei und sprachen: „Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest! Wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloss.“

Aschenputtel gehorchte, weinte aber sehr, weil sie auch gerne zum Tanz mitgegangen wäre. So bat sie die Stiefmutter sie möchte es ihr erlauben. „Du Aschenputtel,“ sprach sie, „bist voll Staub und Schmutz und willst zur Hochzeit? du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen!“ Als Aschenputtel aber nicht aufhörte zu bitten, sprach die Stiefmutter endlich: „Dort drüben habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder aufgesammelt hast, so sollst du mitgehen.“ Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten und rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir beim Aufsammeln,

die guten ins Töpfchen,
die schlechten ins Kröpfchen.'

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen hinein. Danach die Turteltäubchen. Und letztendlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel heran und ließen sich um die Asche nieder. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pik, pik, pik, pik. Dann fingen die Übrigen auch an pik, pik, pik, pik. Sie sammelten geschwind alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte es dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber die Stiefmutter sprach: „Nein Aschenputtel! Du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen: du wirst nur ausgelacht.“ Aschenputtel begann zu weinen, da sprach die Stiefmutter: „Wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche sauber aufsammeln kannst, so sollst du mitgehen.“ und dachte mit dieser List, wäre sie das quengelnde Gör ein für allemal los.

„Als sie die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen wieder durch die Hintertür in den Garten und rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir aufsammeln,

die guten ins Töpfchen,
die schlechten ins Kröpfchen.'

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen hinein. Danach die Turteltäubchen. Und letztendlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel heran und ließen sich um die Asche nieder. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pik, pik, pik, pik. Dann fingen die Übrigen auch an pik, pik, pik, pik. Sie sammelten geschwind alle guten Körnlein in die Schüsseln. Und eh eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Da trug das Mädchen die Schüsseln zur Stiefmutter, freute sich und glaubte nun dürfte es mit auf die Hochzeit gehen. Aber die Stiefmutter sprach: „Es hilft dir alles nichts: du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen! Wir müssten uns deiner schämen.“ Darauf kehrte sie Aschenputtel den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.


Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zum Grab ihrer Mutter unter den Haselbaum und rief:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
wirf Gold und Silber über mich.“

Da warf ihr der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter. Dazu mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog sie das Kleid an und ging zur Hochzeit. Ihre Schwestern und die Stiefmutter aber erkannten sie nicht und meinten es müsste eine fremde Königstochter sein. So schön sah Aschenputtel in dem goldenen Kleid aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht.

Der Königssohn kam ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr. Sonst wollte er mit niemandem tanzen. Er ließ ihre Hand einfach nicht mehr los. Wenn ein Anderer kam, um sie aufzufordern, sprach er: „Das ist meine Tänzerin.“
 

Sie tanzten bis es Abend wurde. Dann wollte Aschenputtel nach Hause gehen. Der Königssohn aber sprach: "Ich gehe mit und begleite dich.“ Er wollte sehen wem das schöne Mädchen angehörte. Doch Aschenputtel entwischte ihm und sprang in das Taubenhaus. Nun wartete der Königssohn bis der Vater kam und sagte ihm das fremde Mädchen wäre in das Taubenhaus gesprungen.

Der Alte dachte „Sollte es Aschenputtel sein?“ Er ließ sich Axt und Hacke bringen, damit er das Taubenhaus entzwei schlagen konnte, aber es war niemand darin. Als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in seinen schmutzigen Kleidern in der Asche. Ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein; denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herab gesprungen und war zu dem Haselbäumchen gelaufen: da hatte es die schönen Kleider ausgezogen und aufs Grab gelegt. Der Vogel hatte sie wieder weggenommen. Dann hatte sie sich in ihrem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.


Am nächsten Tag, als das Fest von neuem begann und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zum Haselbaum und sprach:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttet dich,
wirf Gold und Silber über mich.“

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab, als am vorigen Tag. Und als Aschenputtel mit diesem Kleid auf der Hochzeit erschien, staunte jedermann über ihre Schönheit. Der Königssohn hatte schon gewartet bis sie kam, nahm sie gleich bei der Hand und tanzte wieder nur allein mit ihr. Wenn die anderen kamen, um Aschenputtel aufzufordern, sprach er: „Das ist meine Tänzerin!“ Als es nun wieder Abend wurde, wollte Aschenputtel wieder fort. Der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen in welches Haus sie ging: aber sie entwischte ihm erneut und sprang in den Garten hinterm Haus. Darin stand ein schöner großer Baum an dem die herrlichsten Birnen hingen. Sie kletterte geschwind wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, so dass der Königssohn nicht wusste wo sie hin war. Er wartete bis der Vater kam und sprach zu ihm: „Das fremde Mädchen ist mir wieder entwischt und ich glaube es ist auf dem Birnenbaum geklettert.“ Der Vater dachte: „Sollte es doch mein Aschenputtel sein?“ Er ließ sich die Axt holen und fällte den Baum, aber es war niemand darauf.

Als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da wie sonst auch. Denn sie war auf der anderen Seite des Baumes herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider zurück gebracht und ihr graues Kittelchen angezogen.


Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zum Grab ihrer Mutter und sprach zu dem Bäumchen:

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
wirf Gold und Silber über mich.“

Nun warf ihr der Vogel ein Kleid herab, das so prächtig und glänzend war, wie es noch nie jemand gesehen hatte. Die Pantoffeln waren ganz golden. Als Aschenputtel in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wusste keiner was er vor Verwunderung sagen sollte.

Der Königssohn tanzte wieder nur mit Aschenputtel allein. Wenn sie einer auffordern wollte, sprach er: „Das ist meine Tänzerin!“
 

Als es nun wieder Abend wurde, wollte Aschenputtel fort und der Königssohn wollte sie begleiten. Aber Aschenputtel entwischte ihm ein drittes Mal. Und dieses Mal so geschwind, dass er ihr nicht einmal folgen konnte. Der Königssohn war aber vorbereitet und hatte mit List die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen. Als Aschenputtel die Treppe hinab sprang, blieb ihr linker Pantoffel des hängen.

 

Der Königssohn hob den kleinen und zierlichen Pantoffel auf. Er war ganz golden und schimmerte im Mondlicht. Am nächsten Morgen ging er damit zu Aschenputtels Vater und sagte zu ihm: „Keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh passt.“

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren. Die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen. Der Schuh war ihr zu klein. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: „Hau die Zehe ab! Wenn du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“ Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mussten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

„Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck (Schuh):
Der Schuck ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Da blickte der Königssohn auf den Fuß der vermeintlichen Braut und sah wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd, brachte die falsche Braut wieder nach Haus und sagte das wäre nicht die rechte. Die andere Schwester sollte den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh. Aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: „Hau ein Stück von der Ferse ab: wann du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“ Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen immer noch darauf und riefen:

„Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck (Schuh):
der Schuck ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Der Königssohn blickte nieder auf den Fuß der vermeintlichen zweiten Braut und sah wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufstieg. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause. „Das ist auch nicht die Rechte,“ sprach er, „habt ihr keine andere Tochter mehr?“ „Nein,“ sagte der Vater, „nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein.“

Der Königssohn sprach er solle es heraufschicken. Die Mutter aber antwortete: „Ach nein, die ist viel zu schmutzig, die darf sich nicht sehen lassen.“ Der Königssohn wollte es aber durchaus haben und so musste sie gerufen werden.

Aschenputtel wusch sich Hände und Gesicht, ging hin zum Königssohn und neigte sich. Der edle Prinz reichte ihr den goldenen Schuh. Mit dem Schuh in der Hand setzte sie sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel. Der goldene Schuh saß wie angegossen.

Und als sich Aschenputtel nun in die Höhe richtete und der Königssohn ihr ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte und rief: „Das ist die rechte Braut!“

Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger. Der Königssohn aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbei kamen, riefen die zwei weißen Täubchen:

„Rucke di guck, rucke di guck,
kein Blut im Schuck (Schuh):
der Schuck ist nicht zu klein,
die rechte Braut die führt er heim.“

Als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herab geflogen und setzten sich bei Aschenputtel auf die Schultern – eine rechts, die andere links, und da blieben sie sitzen.
 

Als die Hochzeit mit dem Königssohn stattfinden sollte, kamen die falschen Schwestern und wollten sich einschmeicheln und Teil an Aschenputtels Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite. Da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach als sie heraus gingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten. Da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. So waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft.

Kinder- und Hausmärchen, große Ausgabe, Band 1, 1850

Originales Märchen der Gebrüder Grimm. Lediglich der Sprachgebrauch wurde an die zeitgemäße deutsche Sprache angepasst.

Autor des Originals: Die Gebrüder Grimm
Quelle: Kinder- und Hausmärchen
(v.1850 & v.1912)
Autor der Änderungen: Jens Pätz

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